Ein Schuss für Opa – Das Königspaar Julia und Pascal im Interview
„Komm, Julia, hol den Vogel für Pascal und dich“
Ein zähes Vogelschießen, ein letzter konzentrierter Schuss und ein Versprechen an einen Menschen, der nicht mehr dabei sein kann: Wie Julia und Pascal Lenger zum Königspaar des Schützenvereins Derschlag wurden, und warum sie vor jedem Fest an dieselbe Person denken.
Es gibt Sonntagnachmittage, an denen der Vogel einfach nicht fallen will. Schuss um Schuss hält er, die Minuten ziehen sich, und irgendwann schwindet selbst bei den Entschlossensten die Spannung. „Da sich das Vogelschießen sehr lange hingezogen hatte, ließen die Anspannung und auch die Lust langsam etwas nach“, erinnert sich Julia. Pascal ist mit im Rennen, beide schießen auf denselben Vogel. Dann macht die Nachricht die Runde, dass er nur noch ein, zwei gute Treffer aushalten wird.
In diesem Moment führt Julia ein kurzes Gespräch mit sich selbst: „Komm, Julia, konzentrier dich noch einmal und hol den Vogel für Pascal und dich.“ Sie zielt, sie trifft, der Vogel kippt, langsam und dann endgültig. „Ich konnte es kaum glauben. Die Freude war riesengroß.“

Kurz darauf steht auch fest, wer das Paar durch das Jahr begleitet: Fabian wird Adjutant, Vivi geht als persönliche Adjutantin an Julias Seite. „Da wusste ich: Jetzt kann unser Königsjahr beginnen.“ Was sie an diesem Nachmittag besonders bewegt, ist nicht nur der eigene Erfolg. „Besonders schön war es zu sehen, wie viele Menschen sich mit uns gefreut haben. Das war ein unvergesslicher und sehr bewegender Moment.“
Dass Julia den entscheidenden Schuss abgibt, hat in dieser Geschichte noch eine zweite Ebene. Für Pascal war von Anfang an klar, für wen er auf den Königsvogel schießen wollte. Dazu später mehr.
Krone, Kette und ein Tisch voller Musik
Der Sonntag liefert den Schuss, der Montag die Krone. Am letzten Festtag wird das Paar gekrönt, und erst jetzt wird die Sache greifbar: „Als wir wussten, wir bekommen Krone und Kette und dürfen den Schützenverein als Königspaar präsentieren, war die Freude riesig.“ Auch der Hofstaat steht da schon zu neun Zehnteln. Realisiert haben es die beiden trotzdem nicht sofort. „Das hat noch einige Zeit gedauert.“

Dann folgt der Auftritt, an den sich im Zelt noch viele erinnern. Der Reihe nach werden die Majestäten aufgerufen: erst das Prinzenpaar, dann das Kaiserpaar, zuletzt Julia und Pascal. Sie werden gebeten, auf den Tisch zu steigen, der Musikzug Bergerhof stimmt den „Böhmischen Traum“ an, und das neue Königspaar dirigiert. Es ist ihr erster offizieller Auftritt.
„Alle Blicke waren auf uns gerichtet. Natürlich war die Aufregung groß, aber wir haben diesen besonderen Moment gemeinsam gemeistert“, sagen die beiden. „Es war ein wunderschönes Gefühl und eine Erinnerung, die uns für immer begleiten wird.“
Vom Prinzen- zum Königspaar
Ganz neu ist das Rampenlicht für die beiden nicht. Schon einmal standen sie als Paar an der Spitze, damals als Prinzenpaar, nachdem Julia den Prinzenvogel heruntergeholt hatte. Die Königswürde ist trotzdem eine andere Liga. „Es war schon etwas Besonderes, plötzlich als Königspaar im Mittelpunkt zu stehen. Natürlich brachte das auch neue Aufgaben und Herausforderungen mit sich.“
Die befürchtete Organisationslawine blieb aus. „Die Planung verlief viel einfacher, als wir zunächst gedacht hatten, denn wir konnten jederzeit auf die Unterstützung und die Erfahrungen vieler Vereinsmitglieder zurückgreifen.“ Und das Amt reicht weit über den Festplatz hinaus. „Auch im privaten Umfeld wurden wir häufig auf unser Amt angesprochen, bei mir zum Beispiel auf der Arbeit“, erzählt Julia. „Dadurch wurde uns schnell bewusst, dass wir diesen Schritt keine Sekunde bereuen.“

Die königliche Familie
Am selben Sonntag, direkt nach dem Königsschuss, fiel auch der Kaiservogel, und zwar für Thomas und Peggy Höhn, Pascals Eltern. Thomas war 2011 König, Peggy 2017 Königin. Mit dem Prinzenpaar Niclas und Yvonne stellt die Kompanie Kloster in diesem Jahr gleich alle drei Majestätenpaare. Das Kaiserpaar erzählt, man habe an jenem Abend „noch lange zusammengesessen und gefeiert“, und Kaiser und Königspaar sind bei jedem Gastbesuch zusammen unterwegs. Und wie fühlt es sich an, gleichzeitig Kaiserpaar und Eltern des Königspaars zu sein? Die Antwort der beiden ist kurz: „Voller Stolz und Freude.“
Wir haben mit dem Königspaar über Gastzelte, Lampenfieber und das Leben als Paar im Amt gesprochen. Das Gespräch fand Anfang August statt, mitten in der Saison.
Wie war das erste Mal, als ihr als Königspaar in ein fremdes Zelt eingezogen seid?
Julia & Pascal: Die Vorfreude und gleichzeitig auch die Nervosität vor dem Zelt waren riesengroß. Zum ersten Mal als Königspaar in ein fremdes Festzelt einzumarschieren, war ein ganz besonderer Moment. Viele Mitglieder unseres Hofstaats haben uns begleitet, wir hatten einen großartigen Abend, und der Abschluss an unserer Residenz war der perfekte Ausklang. Es war ein wunderschöner Start in unser Königsjahr.
Welche Begegnung ist euch bei den Besuchen besonders im Gedächtnis geblieben?
Julia & Pascal: Die herzliche Art, mit der wir überall empfangen wurden. Wir wurden bei jedem Schützenfest mit offenen Armen begrüßt und haben uns jederzeit willkommen gefühlt. Niemand wurde links liegen gelassen, im Gegenteil: Es gab immer nette Gespräche und einen offenen Austausch. Genau diese Gastfreundschaft bleibt uns von jedem Besuch in Erinnerung.
Mal ehrlich: Wo wird besser gefeiert, woanders oder in Derschlag?
Julia & Pascal: Jeder Verein ist auf seine eigene Art unterschiedlich, jeder pflegt seine Traditionen und hat seinen eigenen Ablauf. Deshalb ist jedes Schützenfest etwas Besonderes, genauso wie unser eigenes, das für uns einzigartig ist. Wir würden nicht sagen, dass es irgendwo „besser“ ist als bei uns. Jedes Fest hat seinen eigenen Charme.
Etwa die Hälfte der Besuche liegt hinter euch. Wird es mit der Zeit Routine?
Julia & Pascal: Die Vorfreude und die Aufregung sind vor jedem Schützenfest aufs Neue riesengroß. Gemeinsam mit unserem Hof und unseren Adjutanten klappt alles hervorragend, sodass wir jedes Fest in vollen Zügen genießen können.
Gibt es etwas, vor dem euch noch mulmig ist?
Julia & Pascal: Vor jedem Gastschützenfest ist eine gewisse Nervosität dabei. Auch wenn man schon einige Feste erlebt hat, hat man immer die Sorge, etwas falsch zu machen. Die Erfahrung wächst, aber die Aufregung bleibt. Und dass mit Dümmlinghausen bald das letzte Schützenfest ansteht und diese besondere Zeit damit zu Ende geht, ist ein ungewöhnliches und auch etwas wehmütiges Gefühl.
Inzwischen ist auch Dümmlinghausen Geschichte: Alle Gastbesuche dieser Saison hat das Königspaar hinter sich.
Was hat das gemeinsame Amt mit eurer Ehe gemacht?
Julia & Pascal: Es hat uns noch enger zusammengeschweißt. Wir gehen diesen Weg gemeinsam, unterstützen uns gegenseitig und sind als Team noch stärker geworden. Ohne den anderen wäre diese Aufgabe für keinen von uns denkbar. Wir sind sehr dankbar und glücklich, diesen Schritt gemeinsam gegangen zu sein.
Viele trauen sich nicht, auf den Königsvogel anzulegen. Was sagt ihr denen?
Julia & Pascal: Wir glauben, dass viele Menschen Respekt davor haben. Wir können jedem nur mit auf den Weg geben: Es lohnt sich. Man lernt viele neue Menschen kennen, gewinnt neue Perspektiven und erlebt unvergessliche Momente. Besonders schön ist der starke Zusammenhalt im Verein. Jeder hat ein offenes Ohr und steht einem mit Rat, Tat und Erfahrung zur Seite.
- Die Königin
- Julia I. (Julia Lenger), Kompanieführerin der Kompanie Kloster, seit drei Jahren 2. Jugendwartin, früher bereits Prinzessin nach eigenem Prinzenschuss
- An ihrer Seite
- Pascal Lenger, seit vielen Jahren Mitglied, ehemaliger Jugendwart des Vereins
- Adjutanten
- Fabian (Adjutant) und Vivi (persönliche Adjutantin der Königin)
- Zu Gast in der Saison
- Bergneustadt, Gummersbach, Vollmerhausen, Eckenhagen, Hardt-Hanfgarten, Bernberg, Sinspert, DRK Derschlag, Lieberhausen, Pernze-Wiedenest und zum Abschluss Dümmlinghausen
- Das große Finale
- Hofabend am 17. Oktober 2026
Mehr als ein Hobby
Wer verstehen will, warum dieses Paar so selbstverständlich in die Rolle hineingewachsen ist, muss auf den Weg dorthin schauen. Pascal ist seit vielen Jahren Mitglied im Schützenverein Derschlag. Über ihn kam Julia dazu, trat irgendwann selbst ein und entdeckte schnell ihre eigene Begeisterung für das Schützenwesen. Heute führt sie die Kompanie Kloster und kümmert sich als 2. Jugendwartin um den Nachwuchs. Pascal hat das Amt des Jugendwarts ebenfalls schon übernommen und steht dem Verein mit seiner Erfahrung zur Seite.
„Die Königswürde bedeutet für uns Gemeinschaft, Tradition und Zusammenhalt, Werte, die wir im Schützenverein sehr schätzen“, sagt Julia. „Für uns ist der Schützenverein mehr als nur ein Hobby. Er ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.“
Der Gedanke an Opa
Und dann ist da die Geschichte, die die beiden bisher nie öffentlich erzählt haben. Sie beginnt jedes Mal an der eigenen Haustür. „Vor jedem Schützenfest, wenn wir das Haus verlassen, denken wir an Pascals Opa, der im letzten Jahr verstorben ist.“
Der Opa war selbst viele Jahre mit Herzblut im Verein aktiv, war Schützenkönig und wurde als Ehrenschießmeister ausgezeichnet. „Für Pascal war deshalb von Anfang an klar, dass er den Königsvogel für seinen Opa schießen möchte. Dieses Ziel haben wir als Team gemeinsam getragen.“
Und so ergibt am Ende auch dieser eine Satz Sinn, den Julia sich an jenem langen Sonntagnachmittag selbst zugeflüstert hat. Für Pascal und dich. Gezielt hat Julia, aber getroffen haben die beiden zusammen, mit dem Gedanken an einen Mann, der diesen Moment nicht mehr erleben durfte.
Das Königsjahr in Bildern






Das große Finale steht noch aus: Am 17. Oktober lädt das Königspaar zum Hofabend, um diese Saison noch einmal gemeinsam mit allen Revue passieren zu lassen.
Schützenverein Derschlag 1923 e.V. · Horrido!